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Metamorphosis
Ich mag mich und vor allem mich selbst wie Tulpen von innen nach aussen stülpen mag gerinnen wie Eiweiss wenns heiß wird mag mal verkehrt verwirrt im schrägen Bild der Welt hängen also wie von Sinnen meinen eig'nen Lebensfaden spinnen.
Mag nicht mehr Muttis Pipapo Knuddliger Pummelknabe immerfroh nein jetzt von Frauen viel frequentierter Freigeist sein. Mag mal losziehn auf eig'nen Füssen stehn mich bequem hinknien in Fussgängerzonen und mit Schablonen um das schöne Geld flehn
doch
weit und breit kein Schein nicht ein erflennter Cent fällt da in mein Behälter rein und so spür ich Zürichs Lebenslauf denn wer hier Geiz heisst weist Zeitgeist auf und nehms in Kauf Was wär, stell ich mir vor was wär wenn die Situation obschon prekär nicht der Realität enspricht und in meinem Säckel sich glänzend Münzen räckeln ich müsst nur die Hand ausstrecken und schuldbewusst mein Cashflow checken
Mein Verstand erbricht schlicht Gedankenranken die unerkannt um meine Flanken wanken Nun betret ich den Weg indem ich zu sein erscheine und zeleg mein Ego wie Legosteine Meine Identität verrät sich und ist endlich verständlich die Erkenntnis erschlägt mich es ist als erfänd ich mich selbst aus dem Nichts bin vollkommen benommen ein Beschreiter des Lichts ich seh's nur verschwommen
Schnell nun, schneller immer weiter Ummantelt noch vom Untergrund bin ich mein eig'ner Geburtsbereiter kriech munter aus dem Muttermund Und wie befreit schreit meine Lunge nach dem ersten Atemzug als hät ich mit dem Tod gerungen schluck ich Luft, krieg nie genug.
Ich mag mich und vor allem mich selbst wie Tulpen von innen nach aussen stülpen. Mag gerinnen wie Eiweiss wenns heiß wird mag mal verkehrt verwirrt im schrägen Bild der Welt hängen also wie von Sinnen meinen eig'nen Lebensfaden spinnen.
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Konsequenzen
Ich weiss, du riechst wie eine halbleere Flasche Whisky. Nicht halbleer, weil ich Pessimist bin. Ich bin kein Pessimist. Glaub nicht, dass ich Pessimist bin. Zähl meine Lügen. Wenn ich halbvoll sagte, ich würde dir deinen Schweiss von der nackten Haut lecken. Immer schön der Einbuchtung der Wirbelsäule nach. Aber soviel Rückgrad hast du nicht. Dein Ausdunst stinkt nach einer halbleeren Flasche Whisky. Dem von Ethanol geschwängerten Luftgemisch. Ich küsste dich, wenn dein Atem nach Zigarette riechte. Ich würde dir die Luft aus den Bronchien saugen, Baby. Ich bin süchtig danach. Doch ich inhaliere nur abgestandene Asche. Ich glaube daran zu ersticken. Ich wünschte, deine Nervenbahnen bestünden aus Kupfer. Gib mir Elektroschocks mit deiner Zunge. Wieder und wieder. Erhöhe die Stromstärke, Spannung ist genug da. Mach weiter, zögere nicht, sei nicht zögerlich, ich steh auf den Scheiss. Wie viel Elektroschocktherapien erträgt ein Mensch? Nicht wenige. Ich kann mit meiner Gesichtsmuskulatur sieben Dinge anstellen, die dich neben mir so klein aussehen lassen. Hohn Arroganz Unanstastbarkeit Spott Ignoranz Desinteresse Eitelkeit Ich geb sie dir im Multipack. Seriell, immer schön hintereinander. Damit deine langsamen Kuperleitungen auch Zeit haben, sie in Gänze aufzunehmen. Input auf Input auf Input auf Input auf Input auf Input auf Input Ich bin deine Loopstation. Schau dir mein Grinsen an, wenn du meinen Hinterkopf aus dem eisigen Wasserbecken ziehst. Gib mir nur zehn Sekunden dafür. 10 Sekunden sind das äusserste an Perfektion, das man kriegen kann. Ich weiss, du magst es, wenn ich dir meine Gedichte vorlese. Im Takt der auf dem Boden aufschlagenden Bluttropfen. Du bist kein Ritzer Du bist kein Ritzer Du bist kein Ritzer Zähl meine Lügen. Schlag mich. Jetzt! Jetzt! Auf was wartest du? Schlag mich hart. Mit dem Absatz deines Schuhes. Es ist mir Scheissegal Du weisst nichts über Folter. Soll ich dir etws über Folter erzählen? Lektion 1. Es geht nicht um Schmerz. Es geht nicht um Angst. Es geht nicht um Ohnmacht. Es ist eine Symbiose zwischen mir und dir. Geben und nehmen, wie das Urgesetz. Wie gefällt dir das? Denk darüber nach, wenn du mich das nächste mal unter Wasser tauchst. Wenn du meine Luftbläschen auf der Wasseroberfläche platzen siehst. Schau, wie sie immer weniger werden. Immer weniger. Bis sie den Takt der Bluttropfen erreicht haben. Plopp. Plopp. Plopp. Plopp. Dann, flüstere mir ins Ohr: Wenn du willst, dass es aufhört, sag ja. Wenn du willst, dass es aufhört, sag ja. Wenn du willst, dass es aufhört, sag ja. Zähl meine Lügen. Es hört nicht auf. Es hört nie auf. Es geht immer weiter immer weiter immer weiter. Wie eine flinke Fliege, die kriegst du auch nicht, die schlägst du auch nicht tot. Komm schon, jetzt hast du mich soweit. Küss mich! Schlag mich! Zeig mir deine Instrumente! Spiel mir etwas darauf vor! Dieses Gleichstrom Wechselstrom Lied. Ich weiss, wenn Gleichstrom ist, dann blinkt das rote Lämpchen. Entschuldige, der LED, du willst das ja genau. Wenn du mir etwas vorspielst, dann weiss ich gar nichts mehr. Ich versuche dann nur noch, mich krampfhaft an einzelnen Wörtern festzuhalten.
AUGEN BRAUEN SIE BIER IN VORSTADT FÜR KONDENS ÜBER VORSTADT STREIFEN MILCH SCHAUM RICHTIG SCHLAG MICH
Die Wörter verlieren ihre Bedeutung, wenn man sie aus dem Kontext reisst. Was heisst: Spritze? Es spielt keine Rolle. Ich meine, ob ich es weiss oder nicht weiss, nicht, was es bedeutet. Kannst du mir folgen? Ich bin nicht verrückt. Ich bin nicht verrückt. Ich bin nicht verrückt.
NICHT VER RÜCKT
Antworte mir! Du antwortest mir nicht. Schön Das heisst, du hast Lektion 1 gelernt. Das heisst, du bist lernfähig. Bereit für Lektion 2? Es gibt keine Regeln, weil das kein Spiel ist. Du darfst alles tun, ich darf nichts tun. Aber das wäre bereits eine Regel, nicht wahr? Verwirrt dich das? Zähl meine Lügen. Wir kommen nicht weiter. Wir drehen uns im Kreis. Willst du was über die Spritze in deiner Hand wissen? Das ist eine 10ml Einwegspritze mit aufsetzbarer Nadel von 1.6mm Duchmesser und integrierter Rücklaufkammer. Neuster Stand der Technik, gratuliere. Ich weiss nicht, womit du sie gefüllt hast, aber das soll ja auch so sein. Angst Schmerz Ohnmacht Darum geht es dir. Ich weiss, wenn ich will, dass es aufhört, sag ich: Ja. Drück auf den Knopf!
KAFFEE TANK SCHWIMM IN SEIFE NUR RAUS LEBEN HAND RICH TIG VER KEIT A L M B S P
Das ist nur ein Text. Das ist nur ein Text. Das ist nur ein Text. Zähl meine Lügen.
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THZ 2036
Licht. Weisses, reines Licht, ein 400 Watt Bollide nur auf mich gerichtet. Ich öffne die Augen und schliesse sie gleich wieder. Zahnarztpraxis hoch zweiundvierzig, wenn man die Details auslässt. Keine Mundspülungsmodule, Folterinstrumentenablagen, angekettete Papiertücher oder Zahnbohrereinrasterungen. Anstattdessen: EKG-Apparat, Infusionsstange mit gefülltem Beutel (keine Ahnung, was drin ist), Alarmknopf - der unerreichbar ist - und ein milchig-transparenter Abschirmvorhang. Der Suchscheinwerfer bleibt die einzige Konstante und, weil er auf mich gerichtet ist, komme ich mir wie ein Sohn Gottes kurz vor der Himmelsfahrt vor. Der Alarm schaltet sich ein, das EKG hat den üblichen Normwert überschritten, es zeigt die 98 an. Eine Frau erscheint, ganz in Weiss - vielleicht macht das auch nur das Licht aus - , sie spricht keinen Ton mit mir, weil ich - wieder - die Augen nur für Millisekunden geöffnet habe, das hat sie nicht mitbekommen. Sie hantiert an meinem Unterarm herum, wechselt wohl die Infusion oder so, so genau kann ich das blind nicht sagen. Der Unterarm wird kalt, als würde er in Eiswasser eingetaucht, ein unangenehm angenehmes Gefühl. Ich sage, leise, sie soll doch bitte das Licht ausmachen. Wenn sie darüber erstaunt ist, dass ich spreche - heisst, bei Bewusstsein bin - , zeigt sie es nicht. Es sei Teil der Therapie, das Licht, meint sie nur. Meine Millisekundenerkundungen ergeben: Sie ist wieder weg, der Puls: 73, Tendenz sinkend. Das EKG-Geräusch, stechende Piepstöne wie Morsecodes, wird leiser.
Ich tauche in Wasser, so klar, als hätte man einen Ozean austrocknen lassen und mit Evian nature Minerale (sans gas) wieder aufgefüllt. Eine solche Reinheit von Wasser erkennt man an der Lichtbrechung. Ich tauche mit Walen. Ich tauche mit Tintenfischen. Ich tauche mit Leoparden. Ich bin glücklich. Der Leopard spricht mit mir. Ich verstehe ihn nicht, unter Wasser versteht man nie etwas. Nur Gebrabbel, verlangsamt irgendwie, und Luftblasen, die aufsteigen. Ich grinse ihn nur an, das ist meine Standartantwort für absurde Situationen, auf welche man keinen Einfluss nehmen kann. Der Leopard nimmt mein Unverständnis zur Kenntnis und deutet - das Gesicht ausdruckslos - mit der Pfote gegen oben. Ich schaue in die mir gewiesene Richtung. Da ist Licht, rein und weiss, es wird immer intensiver.
Wieder eine Millisekunden-Diashow. Vier Personen strecken ihre Köpfe über mich. Die Frau ist auch dabei, sie ist hübsch. Der Rest: Männer mit Hornbrillen und Mundschützen. "Welche Farbe haben Feuerwehrautos?", fragt einer, trocken, beobachtend. - "Was, wie? Können sie das Licht ausmachen - bitte?" - "Das ist Teil der Therapie. Beantworten sie die Frage." - "Rot!?." - " Wo kauft man Zigaretten?" - "Bei der Tanke?" Jemand notiert, nach jeder Antwort. Die Pulswerte belaufen sich auf zwischen 70 und 90, nur einmal steigt der Puls auf 109, als der Mann fragt, wofür man Kondome braucht. "Für Sex", meine ich, eigentlich will ich Verhütung sagen, aber die Blondine lenkt mich ab. Falls sie es bemerkt, zeigt sie es nicht. Die Fragen gehen endlos weiter. Wir reden über Bürgersteige, Funkantennen, Breitmaulfrösche, CD-Covers, Industrieanlagen, Autobahnauffahrten, Hochglanzpapier, Sonnenwinde, Kaffeeplantagen und Kravattengeschäfte. Immer begleitet vom Geräusch des Kugelschreibers auf Plastikunterlage. Ich weiss nicht, ob ich die richtigen Antworten gebe, sie korrigieren mich jedenfalls nie. Schliesslich habe ich wieder das kalte Gefühl im Arm. Es ist nicht Eiswasser, es ist...steriler.
Ich fliege. Ich fühle mich wie Neo, der Superman der Postmoderne. Der Himmel ist tiefblau, klar. Den Boden kann man nicht sehen, das ist wegen der Höhe, schätze ich. Ich fliege mit Zugvögeln. Ich fliege mit Pelikanen. Der Leopard ist mein Wingman. Ich bin glücklich. Ich schaue zum Leoparden an meiner Seite und zeige ihm das Victoryzeichen. Er schüttelt den Kopf, langsam, einmal von links nach rechts und wieder zurück. Sein Gesicht ist - wie immer - ausdruckslos. Vielleicht liegt das daran, dass ich die Mimik von Grosswildkatzen nicht zu entschlüsseln vermag. Wir haben auf alle Fälle ein Kommunikationsproblem. Er beendet seine Verneinungsbewegung und ich schaue wieder nach vorne. Ein Passagierflugzeug rast auf mich zu, der Bug ist schon an mir vorbei. Ich werde in das Triebwerk hineingesogen, ein unangenehmes Gefühl. Wenn ich Ingenieur wäre, verstünde ich die Funktion all der zahllosen Kabel, Kästen und Schläuche. So verstehe ich nur eines: Ich werde zerhackt.
Ich öffne die Augen und schliesse sie gleich wieder. Wegen dem Licht. Ich schwitze wie ein Pinguin in der Sahara. Der Puls ist auf 120. Männer mit Mundschützen und Hornbrillen hantieren mit blutigen Instrumenten herum und verständigen sich in kurzen Sätzen. Ich verstehe kein Wort, es ist eine fremde Sprache. Klingt irgendwie slavisch. Einer nimmt kurz Notiz von mir und wendet sich wieder seiner Arbeit zu. Ich bin nicht narkotisiert, alles Teil der Therapie, meint der Leopard. Er leckt meine Hand, die lose über dem Bettrand baumelt, wie ein Hündchen. Ich frage mich, ob er aus meiner Hand fressen würde, befänden sich Hundekekse darin. Unwahrscheinlich. Die Herzströme destabilisieren sich, ich bin bei vollem Bewusstsein. Das EKG fluktuiert nur noch. Der Defibrilator haut mich hoch. Einmal, zweimal, dreimal, immer wieder.
Die Turbine spuckt mich aus und ich falle unkontrolliert in Richtung Schwerkraft. Ich sehe Wasser. Immer schneller und schneller, laut physikalischen Gesetzen eine Beschleunigung von annähernd 10 Meter Sekunden hoch zwei. Ich sehe ein Atoll, Wellen. Dann Palmen, Häuser, Autos. Noch ist unklar, ob es eine Wasser- oder Strandlandung wird. Es wird sehr knapp werden. Ich sehe Gartenzäune, Menschen, Gullideckel, Strandwege. Dann Mobiltelefone, Bücher, Ohrringe, Zigaretten. Der Leopard liegt am Strand, faulenzt. Er sieht kurz zu mir hoch und nickt unmerklich. Also eine Wasserlandung. Ich pralle auf die Wellen, meine Fallgeschwindigkeit wird abrupt gebremst. Es ist jetzt - unter Wasser - mehr ein Schweben. Eine extreme Erfahrung. Ich fühle mich wie eine Qualle. Meine Haut löst sich auf, bis sie ein transparenter Film ist, der meine Organe umgibt. Meine Knochen werden gummig und weich. Der Strom azurblauen Wassers lässt mich dahintreiben, ich bin ein Stück tänzelndes Styropor in Zeitlupe.
Licht. Reines, weisses Licht aus einem 400 Watt Bolliden. Die Sauerstoffzufuhr tut seinen Teil dazu. Meine Gedanken haben eine meditative Klarheit erreicht, ich erkenne das Muster. Die Blondine liest mir meine Antworten vor, emotionslos, eine nach der anderen, akribisch genau. Alles Teil der Therapie.
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Der psychosomatische Kontrast zwischen Placeboeffekt und Tod
Prolog
Ich spiegle mich selbst In Unendlichkeit wieder Momentaufnahme
Wecker klingeln nie grundlos. Trotzdem erwachst du immer wieder überrascht oder zumindest mit diesem “Da-war-doch-was” Gefühl. Demenz im Frühstadium denkst du, es gibt Medikamente dagagen, rote Pillen. Du schluckst sie, morgens, mittags, abends. Nicht in grossen Mengen einnehmen, steht auf der Verpackung, Nebenwirkungen unbekannt, gleich darunter. Wieviele Pillen sind eine “grosse Menge” und bekommt man Geld dafür, wenn man Nebenwirkungen herausfindet? Du schluckst also 20 Pillen am Tag, weil du Geld brauchst, wartest auf Nebenwirkungen wie Schwindelanfälle, Erbrechen, Durchfall, Epillepsie, septischer Schock, Tod. Nur das “Da-war-doch-was” Gefühl macht langsam dem “Ich-weiss-es-irgendwie” Gefühl Platz und eines Tages wachst du auf und es ist derselbe Tag wie gestern.
Es ist neun Uhr dreissig und dein Handy klingelt. “Verdammt”, denkst du “Habe ich den Wecker nicht abgestellt? Kann doch nicht sein.” Da war doch irgendwas, du weißt es nicht mehr. Demenz im Frühstadium, denkst du, es gibt Medikamente dagegen, rote Pillen. 3 pro Tag hat der Arzt gesagt und du schaust dir die Verpackung an, wo fett draufsteht: “NICHT IN GROSSEN MENGEN EINNEHMEN” ganz klein gleich darunter: ”Nebenwirkungen unbekannt.” Wieviele sind eine “grosse Menge” und gibt es Geld dafür, wenn man Nebenwirkungen herausfindet? Du schluckst also 20 Pillen am Tag, weil du Geld brauchst und wartest auf Nebenwirkungen wie: Sodbrennen, ungewöhnliche Müdigkeit, Schwarzfärbung des Urins, Beeinträchtigung oder Verlust des Sehvermögens, gelbfärbung der Haut, Kurzatmigkeit, Hyperventilation, Herzkreislaufstörungen, Tod. Nur das “da-war-doch-was” Gefühl macht langsam dem “ich-wess-es irgendwie” Gefühl Platz und eines Tages wachst du auf und du weißt, dass es derselbe Tag wie gestern ist.
Chronische Amnesie ist eine schlimme Sache, vor allem wenn man nicht weiss, dass man sie hat. Du glaubst - nein, du bist fest davon überzeugt - einen Hirntumor zu haben. Wegen diesen 20 Pillen pro Tag. Wegen dem Verlust des Kurzzeitgedächtnisses von genau 24 Stunden, jedes Mal, wenn du aufwachst. Wegen der Persönlichkeitsveränderung. Wegen den stechenden Kopfschmerzen. Du brauchst Hilfe, das weißt du und die holst du dir Im Kellergeschoss des St. Johann-Pfarrheimes.
Es geht nicht um Hirntumore, Brustkrebs, Tuberkulose, Leukämie oder - und das ist der Bestseller - AIDS. Wenn du darüber etwas wissen willst, schlag im Lexikon oder bei google nach. Es geht um Beachtung, Selbstmitleid, Nachfühlen (was ja unmöglich ist, also mehr So-tun-als-ob), Darumherumreden, Selbstmitleid, Selbstmitleid und Quasiresignation. Du gehst wegen des Selbstmitleids hin. Die acht Leute, die in Kreis sitzen (wie sollten sie denn sonst sitzen?) haben alle dasselbe Schablone eines Lebenslaufes: Todkrank - Arbeitslos - Therapien abgebrochen - Alleinstehend - Nur noch sich selbst und seine Katze/Hund habend. Katzen/Hunde dürfen übrigens nicht mitgenommen werden, wegen den zukünftigen potenziellen Allergikern. Die Frau - es ist irgendwie immer eine Frau - die das Sagen hat, obwohl sie sich natürlich nicht als Leiterin oder Anführerin sieht, ist die mit der grössten Portion Resignation, trägt die Krankheit schon am Längsten und, wenn man das so sagen kann, am erfolgreichsten mit sich rum, da sie immer noch lebt. Sie kann Dinge sagen wie “das ist ein wichtiger Schritt für dich” oder “lch bin stolz, dass du dieses Hindernis überwunden hast”. Und das mit genug Überzeugung, dass die Leute ihr das vollständig abkaufen, schweigend und ehrfürchtig nicken. Wenn sie nicht schon längst ihren Glauben zu Gott verloren hätte, könnte sie eine Sekte aufziehen, die der gesamten New-Age-Bewegen locker das Wasser reichen würde.
Doch für dich ist sie Jesus. Oder Maria. Was auch immer. Du kannst dich bei ihren Jüngern ausweinen. Ihnen deine Geschichte mit den Pillen und dem Gedächnisverlust, der daraus resultierenden regulären Überdosis und dem deswegen entstandenen Gehirntumors. Und natürlich die Persönlichkeitsveränderung. Du warst doch mal ein lieber, attraktiver und witziger Kerl. Sie hören mit einer Geduld und einer Mischung aus Mitleid und Neugier zu. Wie Engel. Man könnte meinen, ihre Flügel wachsen zu hören.
Epilog
Irgendwann mal hat die Frau, die jetzt deine Frau ist, gesagt: “Verklag sie doch. Verklag doch diese Firma, die diese Pillen herstellt.” Du hast 23 Millionen bekommen, 11 Millionen Schmerzgeld dazu. Der Arzt, den du dir nun leisten konntest, hat dir anstatt des Hirntumors vorübergehende chronische Amnesie diagnostiziert. Du hast die Gruppe verlassen, da du jetzt ja nicht mehr unheilbar totkrank warst, hast die Frau mitgenommen, die “nur” eine Phantastin war (wer überlebt schon Lungenkrebs länger als 5 Jahre?) und sie geheiratet.
Heute bist du steinreich. Du hast mehr Geld, als dass du jemals ausgeben können wirst, hast keinen Hirntumor, eine Frau, zwei Kinder, lebst mit ihnen in dem grosszügigen Anwesen in der Toskana.
Ich reflektiere Momentaufnahmen ewig In mich selbst hinein
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