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Der psychosomatische Kontrast zwischen Placeboeffekt und Tod
Prolog
Ich spiegle mich selbst In Unendlichkeit wieder Momentaufnahme
Wecker klingeln nie grundlos. Trotzdem erwachst du immer wieder überrascht oder zumindest mit diesem “Da-war-doch-was” Gefühl. Demenz im Frühstadium denkst du, es gibt Medikamente dagagen, rote Pillen. Du schluckst sie, morgens, mittags, abends. Nicht in grossen Mengen einnehmen, steht auf der Verpackung, Nebenwirkungen unbekannt, gleich darunter. Wieviele Pillen sind eine “grosse Menge” und bekommt man Geld dafür, wenn man Nebenwirkungen herausfindet? Du schluckst also 20 Pillen am Tag, weil du Geld brauchst, wartest auf Nebenwirkungen wie Schwindelanfälle, Erbrechen, Durchfall, Epillepsie, septischer Schock, Tod. Nur das “Da-war-doch-was” Gefühl macht langsam dem “Ich-weiss-es-irgendwie” Gefühl Platz und eines Tages wachst du auf und es ist derselbe Tag wie gestern.
Es ist neun Uhr dreissig und dein Handy klingelt. “Verdammt”, denkst du “Habe ich den Wecker nicht abgestellt? Kann doch nicht sein.” Da war doch irgendwas, du weißt es nicht mehr. Demenz im Frühstadium, denkst du, es gibt Medikamente dagegen, rote Pillen. 3 pro Tag hat der Arzt gesagt und du schaust dir die Verpackung an, wo fett draufsteht: “NICHT IN GROSSEN MENGEN EINNEHMEN” ganz klein gleich darunter: ”Nebenwirkungen unbekannt.” Wieviele sind eine “grosse Menge” und gibt es Geld dafür, wenn man Nebenwirkungen herausfindet? Du schluckst also 20 Pillen am Tag, weil du Geld brauchst und wartest auf Nebenwirkungen wie: Sodbrennen, ungewöhnliche Müdigkeit, Schwarzfärbung des Urins, Beeinträchtigung oder Verlust des Sehvermögens, gelbfärbung der Haut, Kurzatmigkeit, Hyperventilation, Herzkreislaufstörungen, Tod. Nur das “da-war-doch-was” Gefühl macht langsam dem “ich-wess-es irgendwie” Gefühl Platz und eines Tages wachst du auf und du weißt, dass es derselbe Tag wie gestern ist.
Chronische Amnesie ist eine schlimme Sache, vor allem wenn man nicht weiss, dass man sie hat. Du glaubst - nein, du bist fest davon überzeugt - einen Hirntumor zu haben. Wegen diesen 20 Pillen pro Tag. Wegen dem Verlust des Kurzzeitgedächtnisses von genau 24 Stunden, jedes Mal, wenn du aufwachst. Wegen der Persönlichkeitsveränderung. Wegen den stechenden Kopfschmerzen. Du brauchst Hilfe, das weißt du und die holst du dir Im Kellergeschoss des St. Johann-Pfarrheimes.
Es geht nicht um Hirntumore, Brustkrebs, Tuberkulose, Leukämie oder - und das ist der Bestseller - AIDS. Wenn du darüber etwas wissen willst, schlag im Lexikon oder bei google nach. Es geht um Beachtung, Selbstmitleid, Nachfühlen (was ja unmöglich ist, also mehr So-tun-als-ob), Darumherumreden, Selbstmitleid, Selbstmitleid und Quasiresignation. Du gehst wegen des Selbstmitleids hin. Die acht Leute, die in Kreis sitzen (wie sollten sie denn sonst sitzen?) haben alle dasselbe Schablone eines Lebenslaufes: Todkrank - Arbeitslos - Therapien abgebrochen - Alleinstehend - Nur noch sich selbst und seine Katze/Hund habend. Katzen/Hunde dürfen übrigens nicht mitgenommen werden, wegen den zukünftigen potenziellen Allergikern. Die Frau - es ist irgendwie immer eine Frau - die das Sagen hat, obwohl sie sich natürlich nicht als Leiterin oder Anführerin sieht, ist die mit der grössten Portion Resignation, trägt die Krankheit schon am Längsten und, wenn man das so sagen kann, am erfolgreichsten mit sich rum, da sie immer noch lebt. Sie kann Dinge sagen wie “das ist ein wichtiger Schritt für dich” oder “lch bin stolz, dass du dieses Hindernis überwunden hast”. Und das mit genug Überzeugung, dass die Leute ihr das vollständig abkaufen, schweigend und ehrfürchtig nicken. Wenn sie nicht schon längst ihren Glauben zu Gott verloren hätte, könnte sie eine Sekte aufziehen, die der gesamten New-Age-Bewegen locker das Wasser reichen würde.
Doch für dich ist sie Jesus. Oder Maria. Was auch immer. Du kannst dich bei ihren Jüngern ausweinen. Ihnen deine Geschichte mit den Pillen und dem Gedächnisverlust, der daraus resultierenden regulären Überdosis und dem deswegen entstandenen Gehirntumors. Und natürlich die Persönlichkeitsveränderung. Du warst doch mal ein lieber, attraktiver und witziger Kerl. Sie hören mit einer Geduld und einer Mischung aus Mitleid und Neugier zu. Wie Engel. Man könnte meinen, ihre Flügel wachsen zu hören.
Epilog
Irgendwann mal hat die Frau, die jetzt deine Frau ist, gesagt: “Verklag sie doch. Verklag doch diese Firma, die diese Pillen herstellt.” Du hast 23 Millionen bekommen, 11 Millionen Schmerzgeld dazu. Der Arzt, den du dir nun leisten konntest, hat dir anstatt des Hirntumors vorübergehende chronische Amnesie diagnostiziert. Du hast die Gruppe verlassen, da du jetzt ja nicht mehr unheilbar totkrank warst, hast die Frau mitgenommen, die “nur” eine Phantastin war (wer überlebt schon Lungenkrebs länger als 5 Jahre?) und sie geheiratet.
Heute bist du steinreich. Du hast mehr Geld, als dass du jemals ausgeben können wirst, hast keinen Hirntumor, eine Frau, zwei Kinder, lebst mit ihnen in dem grosszügigen Anwesen in der Toskana.
Ich reflektiere Momentaufnahmen ewig In mich selbst hinein
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