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THZ 2036

Licht. Weisses, reines Licht, ein 400 Watt Bollide nur auf mich gerichtet. Ich öffne die Augen und schliesse sie gleich wieder. Zahnarztpraxis hoch zweiundvierzig, wenn man die Details auslässt. Keine Mundspülungsmodule, Folterinstrumentenablagen, angekettete Papiertücher oder Zahnbohrereinrasterungen. Anstattdessen: EKG-Apparat, Infusionsstange mit gefülltem Beutel (keine Ahnung, was drin ist), Alarmknopf - der unerreichbar ist - und ein milchig-transparenter Abschirmvorhang. Der Suchscheinwerfer bleibt die einzige Konstante und, weil er auf mich gerichtet ist, komme ich mir wie ein Sohn Gottes kurz vor der Himmelsfahrt vor. Der Alarm schaltet sich ein, das EKG hat den üblichen Normwert überschritten, es zeigt die 98 an. Eine Frau erscheint, ganz in Weiss - vielleicht macht das auch nur das Licht aus - , sie spricht keinen Ton mit mir, weil ich - wieder - die Augen nur für Millisekunden geöffnet habe, das hat sie nicht mitbekommen. Sie hantiert an meinem Unterarm herum, wechselt wohl die Infusion oder so, so genau kann ich das blind nicht sagen. Der Unterarm wird kalt, als würde er in Eiswasser eingetaucht, ein unangenehm angenehmes Gefühl. Ich sage, leise, sie soll doch bitte das Licht ausmachen. Wenn sie darüber erstaunt ist, dass ich spreche - heisst, bei Bewusstsein bin - , zeigt sie es nicht. Es sei Teil der Therapie, das Licht, meint sie nur. Meine Millisekundenerkundungen ergeben: Sie ist wieder weg, der Puls: 73, Tendenz sinkend. Das EKG-Geräusch, stechende Piepstöne wie Morsecodes, wird leiser.

Ich tauche in Wasser, so klar, als hätte man einen Ozean austrocknen lassen und mit Evian nature Minerale (sans gas) wieder aufgefüllt. Eine solche Reinheit von Wasser erkennt man an der Lichtbrechung. Ich tauche mit Walen. Ich tauche mit Tintenfischen. Ich tauche mit Leoparden. Ich bin glücklich. Der Leopard spricht mit mir. Ich verstehe ihn nicht, unter Wasser versteht man nie etwas. Nur Gebrabbel, verlangsamt irgendwie, und Luftblasen, die aufsteigen. Ich grinse ihn nur an, das ist meine Standartantwort für absurde Situationen, auf welche man keinen Einfluss nehmen kann. Der Leopard nimmt mein Unverständnis zur Kenntnis und deutet - das Gesicht ausdruckslos - mit der Pfote gegen oben. Ich schaue in die mir gewiesene Richtung. Da ist Licht, rein und weiss, es wird immer intensiver.

Wieder eine Millisekunden-Diashow. Vier Personen strecken ihre Köpfe über mich. Die Frau ist auch dabei, sie ist hübsch. Der Rest: Männer mit Hornbrillen und Mundschützen. "Welche Farbe haben Feuerwehrautos?", fragt einer, trocken, beobachtend.
- "Was, wie? Können sie das Licht ausmachen - bitte?"
- "Das ist Teil der Therapie. Beantworten sie die Frage."
- "Rot!?."
- " Wo kauft man Zigaretten?"
- "Bei der Tanke?"
Jemand notiert, nach jeder Antwort. Die Pulswerte belaufen sich auf zwischen 70 und 90, nur einmal steigt der Puls auf 109, als der Mann fragt, wofür man Kondome braucht. "Für Sex", meine ich, eigentlich will ich Verhütung sagen, aber die Blondine lenkt mich ab. Falls sie es bemerkt, zeigt sie es nicht. Die Fragen gehen endlos weiter. Wir reden über Bürgersteige, Funkantennen, Breitmaulfrösche, CD-Covers, Industrieanlagen, Autobahnauffahrten, Hochglanzpapier, Sonnenwinde, Kaffeeplantagen und Kravattengeschäfte. Immer begleitet vom Geräusch des Kugelschreibers auf Plastikunterlage. Ich weiss nicht, ob ich die richtigen Antworten gebe, sie korrigieren mich jedenfalls nie. Schliesslich habe ich wieder das kalte Gefühl im Arm. Es ist nicht Eiswasser, es ist...steriler.

Ich fliege. Ich fühle mich wie Neo, der Superman der Postmoderne. Der Himmel ist tiefblau, klar. Den Boden kann man nicht sehen, das ist wegen der Höhe, schätze ich. Ich fliege mit Zugvögeln. Ich fliege mit Pelikanen. Der Leopard ist mein Wingman. Ich bin glücklich. Ich schaue zum Leoparden an meiner Seite und zeige ihm das Victoryzeichen. Er schüttelt den Kopf, langsam, einmal von links nach rechts und wieder zurück. Sein Gesicht ist - wie immer - ausdruckslos. Vielleicht liegt das daran, dass ich die Mimik von Grosswildkatzen nicht zu entschlüsseln vermag. Wir haben auf alle Fälle ein Kommunikationsproblem. Er beendet seine Verneinungsbewegung und ich schaue wieder nach vorne. Ein Passagierflugzeug rast auf mich zu, der Bug ist schon an mir vorbei. Ich werde in das Triebwerk hineingesogen, ein unangenehmes Gefühl. Wenn ich Ingenieur wäre, verstünde ich die Funktion all der zahllosen Kabel, Kästen und Schläuche. So verstehe ich nur eines: Ich werde zerhackt.

Ich öffne die Augen und schliesse sie gleich wieder. Wegen dem Licht. Ich schwitze wie ein Pinguin in der Sahara. Der Puls ist auf 120. Männer mit Mundschützen und Hornbrillen hantieren mit blutigen Instrumenten herum und verständigen sich in kurzen Sätzen. Ich verstehe kein Wort, es ist eine fremde Sprache. Klingt irgendwie slavisch. Einer nimmt kurz Notiz von mir und wendet sich wieder seiner Arbeit zu. Ich bin nicht narkotisiert, alles Teil der Therapie, meint der Leopard. Er leckt meine Hand, die lose über dem Bettrand baumelt, wie ein Hündchen. Ich frage mich, ob er aus meiner Hand fressen würde, befänden sich Hundekekse darin. Unwahrscheinlich. Die Herzströme destabilisieren sich, ich bin bei vollem Bewusstsein. Das EKG fluktuiert nur noch. Der Defibrilator haut mich hoch. Einmal, zweimal, dreimal, immer wieder.

Die Turbine spuckt mich aus und ich falle unkontrolliert in Richtung Schwerkraft. Ich sehe Wasser. Immer schneller und schneller, laut physikalischen Gesetzen eine Beschleunigung von annähernd 10 Meter Sekunden hoch zwei. Ich sehe ein Atoll, Wellen. Dann Palmen, Häuser, Autos. Noch ist unklar, ob es eine Wasser- oder Strandlandung wird. Es wird sehr knapp werden. Ich sehe Gartenzäune, Menschen, Gullideckel, Strandwege. Dann Mobiltelefone, Bücher, Ohrringe, Zigaretten. Der Leopard liegt am Strand, faulenzt. Er sieht kurz zu mir hoch und nickt unmerklich. Also eine Wasserlandung. Ich pralle auf die Wellen, meine Fallgeschwindigkeit wird abrupt gebremst. Es ist jetzt - unter Wasser - mehr ein Schweben. Eine extreme Erfahrung. Ich fühle mich wie eine Qualle. Meine Haut löst sich auf, bis sie ein transparenter Film ist, der meine Organe umgibt. Meine Knochen werden gummig und weich. Der Strom azurblauen Wassers lässt mich dahintreiben, ich bin ein Stück tänzelndes Styropor in Zeitlupe.

Licht. Reines, weisses Licht aus einem 400 Watt Bolliden. Die Sauerstoffzufuhr tut seinen Teil dazu. Meine Gedanken haben eine meditative Klarheit erreicht, ich erkenne das Muster. Die Blondine liest mir meine Antworten vor, emotionslos, eine nach der anderen, akribisch genau. Alles Teil der Therapie.
29.5.06 17:33
 


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